Werner Maria Klein

MITTE

Kunstverein Konstanz 2001

 
Die Befasstheit mit Räumen an und für sich nimmt im Schaffen des Künstlers einen wichtigen Stellenwert ein, nicht so sehr um definierte vorgegebene Raumbeschaffenheiten und deren Möglichkeiten in Frage zu stellen, sonder um Verborgenes und Unbeachtetes durch seine eingreifende Kunst zu visualisieren.

Das direkte reagieren auf einen vorgegebenen Raum ist beim Projekt „Mitte“ im Kunstverein Konstanz realisiert.

Ein Ausstellungsraum selbst wird zum Rahmen der Möglichkeiten, in dem zweidimensionale mit Tusche auf Papier gemalte Wandarbeiten, die selbst-repräsentativ auf die eigene Blattmitte und auf die dort hin komprimierte Energie verweisen sowie bedingt durch ihre Platzierung, die jeweilige Wandmitte, beziehungsweise Raumdeckenmitte markieren und eine dreidimensionale bodennahe Arbeit (Rundeisen auf Granitsteinen), die Analogien zwischen Gewicht, frei gewordene Kräfte, Spannungen, Belastungen und die Schwerkraft verdeutlicht und die Raummitte skizziert, einander bedingend und durchdringend zueinander in Beziehung gesetzt sind, ohne jedoch den autonomen Status aufgebend, sodass im Ergebnis weiter Räume und Spannungsfelder entstehen.

Dies Vorgehen greift nicht erst bei den sogenannten Rauminstallationen, die immerzu mit den sie umgebenden Räumen argumentieren, sondern ist eine grundsätzliche Problematik, die sich bereits im Tafelbild wie auch in der Plastik darstellt.

Die überaus hoch entwickelte Sensibilität des Künstlers erlaubt den entstehenden Werken in einem hohen Ausmaß, bedingt durch die stofflichen, sprich physikalischen, chemischen Eigenheiten der eingesetzten Medien (pflanzliche Substanzen, Holz, Metall, Farbe), die wiederum in ihrer Beschaffenheit den ästhetischen Charakter vorantreiben, zu einem großen Teil einen eigen-dynamischen Prozess, der dazu angetan ist, an den Oberflächen mitunter neue Räume entstehen zu lassen und damit auch im scheinbar zweidimensionalen Medium die Dreidimensionalität zu thematisieren

Andererseits finden wir mitunter auch bei bestimmten Arbeiten ein bewusst manipulatives Eingreifen des Künstlers durch beigebrachte Verletzungen an den Leinwänden, die in der Lage sind, ob der entstandenen Zäsuren, Räume zu erzeugen, die ihrerseits wieder verdichtete Energieflüsse durch Farbdurchdringungen an den Bildoberflächen verdeutlichen und damit an den subtilen Entstehungsprozess erinnern. Ob dieser programmatischen Prozesshaftigkeit erreicht die bearbeitete Fläche, sei es Leinwand oder Papier, unabhängig von der Anzahl eingesetzter oder zur Verfügung gestellter Informationen, eine vitale Wesenhaftigkeit, die sich immerzu als gegenständlich begreifen lässt, und vermeidet dadurch weitgehend abstrahierende Suggestionen.

Da es dem Künstler gegeben ist, in urbanen, wie auch zivilisationsferneren, also weitgehend natürlichen Umräumen (um den äußerst unpräzisen Begriff Natur nicht zu strapazieren) zu gestalten, wird neben der genauen Gesellschaftsbeobachtung auch die intensive Beschäftigung mit natürlichen Gegenständen und deren Umräume wichtig. So spiegelt sich diese Auseinandersetzung in einem überaus respektvollen Umgang mit den zur Anwendung kommenden Materialien, die nie in eine wesensfremde Rolle gezwungen werden sowie auch bei der Farbfindung in den natürlich nicht landschaftsabbildenden, aber durchaus landschaftsbildenden, ruhe-ausstrahlenden und beinahe meditativ wirkenden Flächenarbeiten.

So bezieht Michael Danner aus diesen Ruhe- und den einhergehenden Entspannungsphasen, die ihn seine persönliche seelische MITTE finden lassen, seine Inspiration, mit der er versucht, das Wesen des Natürlichen zu erfassen. So verdinglicht sich dieses Vorgehen ebenso in den skulpturalen Arbeiten an frischgeschlagenen Holzstämmen, die durch Einschnitte dazu angetan sind, neue Räume zu eröffnen und durch den darauffolgenden natürlichen Trocknungsprozess ihren eigenen endgültigen Zustand zu bestimmen.

Abgesehen von diesem rein künstlerischen – ästhetischen Prozess wird auf eindrucksvolle Art und Weise das Eingreifen des Menschen in den natürlichen Raum verdeutlicht. Ein Eingreifen, das Lebewesen kurzerhand zu Ressourcen erklärt, wodurch die Kulturgeschichte in ihrer Gesamtheit und das Sterben, das das Leben gebiert, ergo die Vergänglichkeit des Menschen, ins Treffen geführt wird.

Dieser geschärfte Blick auf innere und äußere Zusammenhänge die menschliche Existenz betreffend erlaubt es nicht, das möglicherweise beängstigende Spannungsverhältnis zwischen Leben und Sterben auszusparen und verleiht den Arbeiten von Michael Danner, die dadurch nie anbiedernd oder gefällig sein können und daher auch nicht Gefahr laufen, kurzlebigen Kunstmarktströmungen unterworfen zu sein, größte Authentizität und Gültigkeit in den von dem Künstler Michael Danner nach der Maßgabe seiner Möglichkeiten zur Verfügung gestellten Antworten auf lebenswichtige Menschheitsfragen, die auf elementaren Erkenntnissen aufbauen.

Der latent informelle Charakter im Schaffen Michael Danners verdeutlicht den qualitativ hochstehenden Dialog zwischen dem Künstler und seinen Werken während der Entstehungsphasen und repräsentiert somit die in allen Belangen der Kunstauffassung von Michael Danner beibehaltene menschliche Dimension, die sinnvolle innovative Entwicklungsprozesse projektierter-weise in die Wege leiten kann, ohne einen zementierten oder auch nur definierten Endpunkt vorwegzunehmen.

Durch das geradezu personifizierte Gesprächsangebot in der verdinglichten Wirklichkeit des Vokabulars seiner Kunst wird der Künstler Michael Danner zu einem höchst qualifizierten Gastgeber und Moderator in den Räumen der Kunst und damit in seiner leisen und besonnen, ja vielleicht sogar weisen Art, ein Ideengeber am WEG durch die MITTE der möglichen Erkenntnisse des Lebens.

Wien, im Januar 2001

 

 

Werner Maria Klein

Genese - Die Kunst von Michael Danner, 2009

 

Das Kunst-Werk von Michael Danner ist ein in sich geschlossenes System ohne Aussage über etwas anderes als sich selbst, von nichtsubstituierender Prozesshaftigkeit.

 

So entschlagen sich die Arbeiten von Michel Danner in ihrer von akademischen Wiederholungszwängen emanzipierten Selbstbezüglichkeit jeglicher kulturhistorisch bedingter Chiffrierung längst sinnentleerter, jedoch ungebrochen konditionierender Symbola, also Erkennungszeichen einer „pseudosinnstiftenden“ Orthodoxie, oder einer wie auch immer zu bezeichnenden selbsternannten qualifizierten Minorität, die meist als männliche Machtstruktur natürlich auch säkularer Natur ist, da weder sakral, noch profan wahrgenommene Gegebenheiten an den Klippen der Vernunft zerschellend eine von einander abweichende Rezeption ermöglichen, die ihrem Charakter nach als verabredete Geheimzeichen in der Lage sind, alle „Nichteingeweihten“, also „Nichtwissenden“ von einem Diskurs, welcher Art auch immer, a priori gänzlich auszuschließen, oder aber in die Irre bildungsferner Schichten (Pseudoreligionen und andere antidemokratisch rückwärtsgewandte faschistoide Weltanschauungen), zu führen, sondern folgt einer durch Klarheit und Logik geprägten Objektivität, die als Äquivalent einer ungebrochen zu erstrebenden aufgeklärten Zivilgesellschaft zu verstehen angetan ist, der Akzentuierung des Kontextes einer Sache.

 

Die Arbeiten des Künstlers folgen immanenten Gesetzmäßigkeiten einer klar definierten morphologisch nachvollziehbaren verdinglichten Realität, die natürlich auch mit der Immaterialität von Luft, Licht und Schatten argumentiert, also in einer Festlegung wesentlichen Determinanten, so dass am Beispiel klarer geometrischer Strukturen (Flächenarbeiten, Materialbilder, Rauminstallationen) jenes Kausalverhältnis deutlich erkennbar wird, da sich die zum Ausdrucksgebilde mutierten Objekt nicht als tradierte Skulpturen verstehen.

 

Das von simplifizierenden „Ismen“ emanzipierte Kunstwerk, das sich einer stets neu zu erlernendem Grammatik einer permanent mutierenden Formensprache bedient, argumentiert nicht in banal konstruierter fasslicher Form, wie dies bis zu einer manierierten Überblüte in der „Kunstgeschichte“, (Kunst kann nicht an der so genannten „Kunstgeschichte“ gemessen werden) also einer sanktionierten und mehr oder weniger intellektuell unbeschenkten Staatskunst (Despotengeschmack) vergangener Epochen, bis in „unsere“ von banaler Übersichtlichkeit gekennzeichnete Gegenwart, zu bemerken sei, sondern wird begleitet von ineinanderfließende und einander bedingende, also im wahrsten Sinne des Wortes „vertexteter“ Informationen über die Durchdringung beispielsweise geometrischer Formen und anderer durch die freie Themata und Medienwahl erst durch gedanklich assoziative Prozesse in der Vorstellung eines mit den Wesenszügen der Kunst befassten selbstreflektierten Betrachters, trotz unvermeidlicher Dissonanzen zur eigenen Erfahrungswelt, beseelt und als Grundlage angestrebter gesellschaftsimmanenter Kommunikation, die eine Verbindung zwischen gemeinten Gegenstand und Bewusstsein herzustellen vermag, existent.

 

 

Ohne die Grammatik der emanzipierten Verabsolutierung der Formen an sich und der daraus resultierenden Sprache, konnte die Vorstellung nicht zum Zeichen für das werden, was es in der objektiven Verdinglichung des Gegenstandes zu erkennen gilt!

 

In dieser Funktion des Trennens und Verbindens liegt der tiefere Sinn für die Wirkung der Formensprache der Kunst als umfassendstes und differenziertes Ausdrucksmittel auf das Denken des nach Erkenntnis (Im Sinne der Philosophie ist Erkenntnis immer „etwas als etwas erkennen“) strebenden Menschen.

 

„Dann haben die Dinge sich aufgerichtet und jetzt machen sie Front gegen uns: ihre Augen sind das Licht dieser Zeit.“ (Francis Ponge)

 

 

 

Werner Maria Klein

 

Emergence - The art of Michael Danner, 2009

 

The art of Michael Danner is a closed system which makes no statement about anything but itself, a system of nonsubstituting processuality. Thus, in its self-referentiality emancipated from academic compulsions to repetition, Michael Danner’s work absolves itself from any and every cultural-historical labeling based on symbols that have long since become empty of meaning and yet are uninterruptedly conditioned, the insignia of a “pseudo-meaning-giving” orthodoxy or of a self-declared qualified minority, which as a male power structure is of a secular nature, since neither sacredly nor profanely perceived actualities, breaking up on the rocks of reason, make possible a reception deviating from the norm, operating as if under a system of prearranged secret signs that puts its users in to a position to exclude a priori all “noninitiates”, in other words “those who do not know”, from a discourse, regardless of its nature, or to lead them astray into levels beyond the realm of the educated (religions and other antidemocratic, reactionary worldviews).

 

Deftly avoiding these pitfalls, Danner pursues an objectivity marked by a clarity and logic that endeavors to be understood as the equivalent of continual aspiration toward an enlightened civil society, the accentuation of the context of a matter.

 

The artist’s work follows the immanent regulating principles of a clearly defined, morphologically traceable, concretized reality, also arguing, of course, with the immateriality of air, light and shadow, establishing its essential determinants, so that through the example of clear geometric structures (surface treatments, material-oriented works, spatial installations) every causal relationship becomes clearly recognizable, since the objects mutated into expressive forms are not understood as traditional sculpture.

 

Without the grammar of the emancipated absolutization of the forms in themselves and the language resulting therefrom, the imagination could not become the sign for that which is recognizable in the objective concretization of the idea.

 

In this function of separating and linking lies the deeper significance of the formal language of Michael Danner’s art, as a comprehensive and differentiated means of expression for the thought processes of the human being striving toward knowledge. (In philosophical thinking knowledge is always “knowing something as something”.)

 

“Then the things rose up and now they are taking a stand against us: their eyes are the light of this time.” (Francis Ponge)